{"id":337,"date":"2019-07-29T20:40:18","date_gmt":"2019-07-29T18:40:18","guid":{"rendered":"https:\/\/midiaid.de\/blog\/?p=337"},"modified":"2019-07-29T20:41:46","modified_gmt":"2019-07-29T18:41:46","slug":"hebammennachwuchs-unsere-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/midiaid.de\/blog\/hebammennachwuchs-unsere-zukunft\/","title":{"rendered":"Hebammennachwuchs &#8211; unsere Zukunft!?!"},"content":{"rendered":"\n<p>Nach einem anstrengenden Dienst in der Klinik, in der ich nur im Stehen in meine Brezel gebissen, einen Schluck Kaffee w\u00e4hrend der Dokumentation getrunken habe und nicht auf der Toilette war, frage ich mich schon manchmal, wieso ich das ganze nun schon knapp 2 Jahre mitmache. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich daran denke, dass ich bis zu meiner Rente noch \u00fcber 40 Jahre arbeiten muss, bin ich hoch motiviert mich daf\u00fcr einzusetzen, dass sich an der Situation der angestellten Hebammen in den Kliniken etwas \u00e4ndert und zwar m\u00f6glichst schnell! Denn so kann es nicht weitergehen! Der erste Schritt ist es f\u00fcr ALLE ersichtlich aufzuschreiben, wie es so in einem Krei\u00dfsaal mit Hebammensch\u00fclerinnen aussieht. Denn diese sind der Schl\u00fcssel f\u00fcr die Zukunft der Hebammen!<\/p>\n\n\n\n<h4>Feedback f\u00fcr Hebammensch\u00fclerinnen so wichtig<\/h4>\n\n\n\n<p>Ich werde jetzt noch mindestens 1 Stunde nachdokumentieren und muss die 2 Geburtsdokumentationen meiner 2 Mittelkurssch\u00fclerinnen durchlesen. Am besten mich mit ihnen zu einer kleinen Reflektionsrunde zusammensetzen um ihnen gleich Feedback zu geben, damit eventuelle Missverst\u00e4ndnisse, die im wuseligen Dienst durchaus schnell entstehen k\u00f6nnen, aus dem Weg ger\u00e4umt sind. Nur so k\u00f6nnen sie sich weiterentwickeln und mir die Fragen stellen die w\u00e4hrend dem stressigen Dienst aufgekommen sind. Ich wei\u00df, dass ich deswegen noch sp\u00e4ter anfangen kann zu dokumentieren. Aber ich muss es einfach machen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie es mir in der Ausbildung ging, als ich nach einem ordentlichen Dienst ohne Pause pl\u00f6tzlich nach dem Dienst dastand und die Hebamme mir m\u00fcde gesagt hat, dass alles gut w\u00e4re und ich jetzt nach Hause gehen soll und mich ausruhen solle. Es war ein unbefriedigendes Gef\u00fchl, denn sehr oft habe ich alleine arbeiten m\u00fcssen, konnte meine Fragen w\u00e4hrend einer Geburt schlecht stellen, danach fehlte die Zeit oft auch und schwups war der Dienst vorbei und man wurde auch schon nach Hause entlassen. Und sollte morgen wieder dorthin kommen, obwohl man vielleicht einen bl\u00f6den Kommentar abbekommen hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie viel besser habe ich die Dienste in Erinnerung, wo ich mit meiner betreuenden Hebamme, und sei es auch nur auf dem Flur zwischen zwei Krei\u00dfs\u00e4alen, kurz ein paar Worte wechseln konnte, ein kurzes Feedback bekommen habe und meine Fragen stellen konnte. Es tat gut, so kleine Dinge aufarbeiten zu k\u00f6nnen, riesige Knoten im Gehirn zu minimieren und somit frei zu werden f\u00fcr neue Eindr\u00fccke.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"774\" src=\"https:\/\/midiaid.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/sch\u00fclerin_hebamme2-1024x774.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-376\" srcset=\"https:\/\/midiaid.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/sch\u00fclerin_hebamme2-1024x774.png 1024w, https:\/\/midiaid.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/sch\u00fclerin_hebamme2-300x227.png 300w, https:\/\/midiaid.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/sch\u00fclerin_hebamme2-768x580.png 768w, https:\/\/midiaid.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/sch\u00fclerin_hebamme2.png 1338w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h4>Keine Zeit f\u00fcr den Hebammennachwuchs <\/h4>\n\n\n\n<p>Ich arbeite in einem Krei\u00dfsaal mit aktuell rund 3300 Geburten im Jahr, wir haben 6 Krei\u00dfs\u00e4ale, 4 Wehenr\u00e4ume, dazu 3 Aufnahmezimmer, betreuen die Kontroll-CTGs unserer&nbsp; Risikoschwangerenstation, sind unter der Woche von 16:00 \u2013 8:00 Uhr zust\u00e4ndig f\u00fcr alle ambulanten Schwangeren und bilden im Jahr etwa 50 Hebammensch\u00fclerinnen aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese 50 Hebammensch\u00fclerinnen sind unsere\nZukunft, nicht nur als geburtenst\u00e4rkster Stuttgarter Krei\u00dfsaal, sondern unsere\nZukunft als Hebammen deutschlandweit, als Frauen mit Kinderwunsch und als\nM\u00fctter, deren T\u00f6chter einmal geb\u00e4ren werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man meine Auflistung der T\u00e4tigkeiten von\nvorhin anschaut, kommen die Hebammensch\u00fclerinnen an letzter Stelle. Das\npassiert mir leider viel zu oft im Krei\u00dfsaal-Alltag und es \u00e4rgert mich ganz\narg!<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne die mit mir arbeitende Hebammensch\u00fclerin w\u00e4re ich im Dienst schlichtweg aufgeschmissen. Je nach Wissens- und Ausbildungsstand werden Hebammensch\u00fclerinnen in die verschiedenen T\u00e4tigkeiten der Hebammenarbeit und in das Handwerk eingelernt. <\/p>\n\n\n\n<h4>Das Hebammenhandwerk wird erlernt<\/h4>\n\n\n\n<p>Im Grundkurs (1. Ausbildungsjahr) beobachtet eine Hebammensch\u00fclerin am Anfang sehr viel, schaut zu, lernt, verarbeitet. Nach einer Weile werden T\u00e4tigkeiten erlernt, zu denen Vitalparameter erheben, Neugeborenes wiegen, messen, wickeln und versorgen geh\u00f6ren. Dazu kommt jedoch der erste gro\u00dfe Schritt: eine wehende Frau betreuen. Frauen unter Wehen kennenlernen, zu erkennen in welchem Stadium der Geburt sie sind, was ihre Bed\u00fcrfnisse sind. Dass es Momente gibt, in denen man schweigt und aush\u00e4lt. Wie man Ruhe vermittelt, seine eigenen Bewegungen so koordiniert, dass die Frau sich nicht gest\u00f6rt f\u00fchlt. Wie tr\u00f6stende, Mut zusprechende, motivierende Worte und der respektvolle Umgang mit Paaren in so einem pr\u00e4genden Moment wie der Geburt klingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Anfang ist pr\u00e4gend f\u00fcr eine Hebammensch\u00fclerin und ich finde ihn so enorm wichtig! Jeden Dienst nehme ich es mir aufs Neue vor, diese F\u00e4higkeiten an meine mir zugeteilte Sch\u00fclerin weiterzugeben, ein gutes Vorbild f\u00fcr sie zu sein.&nbsp; Und so oft, f\u00e4llt es mir in dem Trubel eines Dienstes schwer, daran festzuhalten und meine \u00dcberlastung nicht auf die Sch\u00fclerin abzuladen, ihr ermutigende Worte zuzusprechen, sie, wenn es sein muss,&nbsp;&nbsp; respektvoll zurechtzuweisen und ihr die Chance f\u00fcr eine Verbesserung zu geben. Denn mit positiven Erlebnissen und Lob ist die Leistung bewiesener Ma\u00dfen h\u00f6her und die Motivation weiter zu kommen signifikant h\u00f6her!<\/p>\n\n\n\n<h4>Lernen, die richtigen Worte zu finden<\/h4>\n\n\n\n<p>Im Mittelkurs (2. Ausbildungsjahr) kommt dann ein gro\u00dfes Wissen an Physiologie dazu und die Hebammensch\u00fclerinnen d\u00fcrfen nun den sogenannten Dammschutz durchf\u00fchren. Der Dammschutz wird gemacht, wenn das K\u00f6pfchen (bei einer Beckenendlagengeburt geht das etwas anders) den Damm belastet und mit seinem gr\u00f6\u00dften Umfang \u00fcber den Damm geboren wird. Mit der einen Hand h\u00e4lt\/bremst man das K\u00f6pfchen vorsichtig und mit der anderen Hand h\u00e4lt man traditioneller Weise den Damm, um somit den m\u00f6glich austretenden Stuhlgang vom kindlichen K\u00f6pfchen fern zu halten. Wenn der Kopf geboren ist, leitet man in der n\u00e4chsten Wehe vorsichtig die Schultern mit senken und heben im richtigen Moment aus dem Geburtsweg heraus und entwickelt so das Neugeborene. Meistens gibt man das Neugeborene dann sofort der Mutter. Viel wichtiger als diesen mechanischen Dammschutz finde ich den kommunikativen Dammschutz. Damit meine ich die Worte mit denen ich als Hebamme die Frau durch diesen letzten Weg der Geburt leite. Das k\u00f6nnen je nach Situation sehr sanfte, ermutigende, motivierende, aber auch kraftvolle und starke und gleichzeitig sehr respektvolle Worte sein. Das zu erlernen braucht Zeit, Erfahrung und ruhige Hebammen, die hinter der Hebammensch\u00fclerin stehen, sie agieren lassen, im richtigen Moment so viel wie n\u00f6tig und so wenig wie m\u00f6glich eingreifen. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Krei\u00dfsaal in dem ich arbeite sind die Geburten, in denen ich den Kopf komplett frei habe und nicht parallel an die 4 anderen mir zugeteilten Frauen denken muss, rar. Selten habe ich so viel innere Ruhe, eine Hebammensch\u00fclerin w\u00e4hrend einer Geburt anzuleiten, und wenn, dann fehlt mir oft die Geduld sie lernen zu lassen und der Gedanke an die anderen zu betreuenden Frauen l\u00e4sst mich viele Dinge selber machen, anstatt sie vern\u00fcnftig unter Aufsicht zu delegieren. Wer leidet darunter? Die Ausbildung unserer zuk\u00fcnftigen Hebammen!<\/p>\n\n\n\n<h4>Lernen, auch mit schwierigen Situationen klarzukommen <\/h4>\n\n\n\n<p>Im Oberkurs (3. Ausbildungsjahr) kommt dann die Vielfalt der Situationen dazu, die w\u00e4hrend einer Schwangerschaft, der Geburt und im Fr\u00fchwochenbett auch mal nicht so gut laufen und einen vor die Herausforderung stellen Mutter und Kind gesund aus der Situation heraus zu bringen. Diese Situationen erleben unsere Sch\u00fclerinnen auch schon von Beginn der Ausbildung an, da wir ein Level-1 Krei\u00dfsaal sind, mit Kinderklinik und somit viele Risikoschwangerschaften, Fr\u00fchchengeburten und Geburten von kranken M\u00fcttern und Kindern betreuen. Nun m\u00fcssen die Hebammensch\u00fclerinnen auch mit diesen Situationen zurechtkommen, Vorschl\u00e4ge liefern und zunehmend pr\u00e4senter in der Geburtsleitung sein. Nat\u00fcrlich trage ich als Hebamme die Endverantwortung f\u00fcr alles was sie unter meiner Aufsicht machen, mit allen Konsequenzen. Oft f\u00fchle ich mich dieser Verantwortung v\u00f6llig ausgeliefert, da so viel auf einmal los ist, dass ich eine Oberkurssch\u00fclerin gezwungener Ma\u00dfen alleine lasse, parallel mit einer Grundkurssch\u00fclerin eine andere Geb\u00e4rende betreue und bete, dass in dem anderen Krei\u00dfsaal alles in Ordnung ist, die Oberkurssch\u00fclerin mich rechtzeitig holt, wenn etwas nicht stimmt und ich aus dem anderen Krei\u00dfsaal auch raus kann, wenn in dem anderen das Kind kommt. Solche Situationen wie gerade beschrieben, sind nicht die Seltenheit und kommen immer h\u00e4ufiger vor. Die Oberkurssch\u00fclerinnen sind gezwungen die Situation lange quasi alleine zu tragen und sind dieser Verantwortung oft noch nicht gewachsen, bzw. sollten sie nicht tragen!<\/p>\n\n\n\n<h4>Reflexion und Lob lohnen sich immer<\/h4>\n\n\n\n<p>Mich machen solche Dienste w\u00fctend! W\u00fctend,\nweil sie oft ungekl\u00e4rte Situationen mit sich bringen, manche Sch\u00fclerinnen mit\nSchuldgef\u00fchlen belastet aus dem Dienst gehen, keine Zeit f\u00fcr Aufarbeitung\nbleibt und die Zeit f\u00fcr eine vern\u00fcnftige Reflexion fehlt! Oft genug schaffe ich\nes nicht, mich mit der\/den Hebammensch\u00fclerin\/nen hinzusetzen und kurz die\nwichtigsten Dinge zu bereden, da ich selber so ersch\u00f6pft bin, noch die Liste\nmit den zu erledigenden Dingen in meinem Kopf habe und auch endlich einen\nMoment f\u00fcr mich selber brauche.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich es jedoch mal schaffe und mir aktiv die Zeit nehme, bekomme ich meistens gutes Feedback, sehe, wie die Hebammensch\u00fclerin etwas aufrechter und mit einem L\u00e4cheln im Gesicht aus dem Dienstzimmer geht. Denn etwas zum Loben findet man immer! Und sei es die gro\u00dfe Entlastung die mir ihre Anwesenheit und die gut ausgef\u00fchrten, noch so kleinen delegierten T\u00e4tigkeiten sind!<\/p>\n\n\n\n<h4>Es muss sich endlich etwas \u00e4ndern<\/h4>\n\n\n\n<p>Was ich mir w\u00fcnsche: Ich w\u00fcnsche mir einen grundlegend besseren Betreuungsschl\u00fcssel vor allem in den gro\u00dfen Ausbildungskrei\u00dfs\u00e4alen von Deutschland, der es m\u00f6glich macht, Paare unter der Geburt, ohne den Druck f\u00fcr weitere 4-7 wehende (!) Frauen auf einmal verantwortlich zu sein, zu betreuen! Ich w\u00fcnsche mir eine bessere Verg\u00fctung f\u00fcr unsere verantwortungsvolle T\u00e4tigkeit, die unter den aktuellen stressigen Bedingungen trotzdem fehlerfrei ausge\u00fcbt werden soll, da die Folgen \u00fcber Leben und Tod entscheiden! Dieser Druck geh\u00f6rt angemessen verg\u00fctet! Ich w\u00fcnsche mir jedoch vor allem eine zus\u00e4tzliche Verg\u00fctung f\u00fcr Hebammen, sei es in Form von bezahlten Anleitungsstunden, Wertsch\u00e4tzung in Form von Bonuszahlungen oder einkalkulierter Arbeitszeit, die w\u00e4hrend dem Krei\u00dfsaal-Alltag die Hebammen der Zukunft ausbilden sollen! Denn dies ist das, in was wir wirklich investieren sollten! In unsere neuen Kolleginnen und Kollegen, die motiviert sind, diesen wundervollen, kraftvollen, jedoch auch herausfordernden Beruf zu erlernen, w\u00e4hrend der Aus\u00fcbung gesund zu bleiben und noch lange in den Krei\u00dfs\u00e4alen arbeiten zu wollen!<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle m\u00f6chte ich allen Hebammensch\u00fclerinnen danken, vor allem denen, die unseren Krei\u00dfsaal mit wuppen, aber auch bundesweit allen anderen! Vielen Dank f\u00fcr euren Mut, eure Kraft, eure Ausdauer und eure Pfiffigkeit! Ihr seid uns eine gro\u00dfe Hilfe, auch wenn wir dazu nicht immer die richtigen Worte finden! Habt Mut f\u00fcr den weiteren Weg eurer Ausbildung und eures Studiums, es lohnt sich durch zu halten! Und wenn ihr fertig seid, dann traut euch an die gro\u00dfen Kliniken! Man kann auch dort sehr gute Geburtshilfe leisten, doch der absolute Schl\u00fcssel daf\u00fcr ist mehr Personal: Und das seid IHR! <\/p>\n\n\n\n<p>Damit sich etwas \u00e4ndert, m\u00fcssen wir als junge Hebammen das Wort erheben! Wir sind die Zukunft, wir d\u00fcrfen uns nicht mit Aussagen zufrieden geben wie &#8222;Das ist halt so&#8220; oder &#8222;Da k\u00f6nnen wir eh nix machen, das wird auf politischer Ebene entschieden&#8230;&#8220; Lasst uns gemeinsam laut werden. 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